02. September 2010
Österreichische Gesellschaft für Geriatrie & Gerontologie
Österreichische Gesellschaft für Geriatrie & Gerontologie
Medizin Medien Austria
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Wiener Vorlesungen

Der Preis für humanistische Altersforschung der Stadt Wien, wurde in Kooperation von der Kulturabteilung der Stadt Wien, Wissenschafts- und Forschungsförderung, Univ.Prof. Dr. Hubert-Christian Ehalt und der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie nach Auswahl durch eine wissenschaftliche Jury an Felix Mitterer im Rahmen einer Wiener Vorlesung vergeben.

Der kurze Ausschnitt des Films Sibirien, dargestellt von Fritz Muliar, hat wiederum die tiefe Betroffenheit bei allen Zuhörerinnen und Zuhörern ausgelöst. Sibirien – die Ausgrenzung eines alten und scheinbar pflegebedürftigen Menschen, die Entwertung und Entmündigung durch ein System, vor allem aber durch die Menschen, die dieses System leben, darf heute nicht mehr passieren. Durch den kritischen Monolog, der durch Siegmar Bergelt inspiriert, 1989 erschienen ist, wird das Bewusstsein für die nicht immer einfache Situation in Pflegeheimen sensibilisiert. Aufklärung, Information und regelmäßige Supervision sollen dazu beitragen, dass der hilflose Umgang mit vielfach erkrankten Menschen, d e der Pflege bedürfen, die Würde der gepflegten, aber auch der Pflegenden erhält. Ethische Konzepte, der regelmäßige Gedanken- und Erfahrungsaustausch im Team, aber auch moderne Raumstrukturen sollen dazu beitragen, dass man unabhängig von der eigenen Kompetenz und den Fähigkeiten auch die letzte Phase des Lebens in Würde beenden kann.

Sibirien von Felix Mitterer, erschienen 1989, sollte Pflichtliteratur für alle in der Geriatrie Tätigen sein.

Hat und wird die Geriatrie die Betreuung alter und hochbetagter Menschen verändern?

Prim. Dr. Katharina Pils anlässlich der Verleihung des Preises für Humanistische Altersforschung an Felix Mitterer am 10. Mai 2010

Die Geriatrie umfasst die vielfältigen Aspekte der Medizin des Alter(n)s – von der Gesundheitsvorsorge, der Prävention, der Diagnose und Behandlung altersassoziierter Erkrankungen bis hin zur Palliation, der Begleitung bis zum Tod.

Geriatrie ist aber nicht nur Medizin im klassischern Sinn. Der Mensch mit all seinen Facetten sollte erfasst werden. Hier spielen die Selbsthilfefähigkeit, der freie Wille und die individuelle Sicherheit ebenso eine wichtige Rolle wie das soziale Umfeld, die Wohnung, die nächsten Angehörigen und die Freunde.

Gibt es Sibirien heute noch?

Gibt es ältere Menschen, die scheinbar entmündigt nicht mehr wählen können, wo und wie sie ihre letzen Lebensjahre verbringen wollen?

Gibt es Menschen, die in ein Pflegeheim aufgenommen werden und ins Bett, in die Abhängigkeit gepflegt werden?

Ja, es gibt sie. Allerdings sind zahlreiche Menschen darum bemüht, dass so etwas heute nicht mehr vorkommt.

Die Ursachen für das Überrollen des freien Willens sind vielfältig:

Nicht zuhören, nicht verstehen, gut meinen, überfordert sein, nicht zulassen können, keine Zeit haben, Angst vor der Abhängigkeit haben, sich selbst nur mehr durch inneren Rückzug und Gleichgültigkeit schützen können,...

Manches passiert bewusst, manches unbewusst.

Ich glaube, nur das Verurteilen von Missverständnissen bringt nichts. Es ist wichtig, sich der vielfältigen Aspekte des Prozesses des abhängig Werdens bewusst zu sein.

Die individuelle Verantwortung

  • Wir alle, die wir heute hier sitzen, sollten darüber nachdenken, wie wir uns auf das Alter vorbereiten und wie wir mit unseren nächsten Menschen umgehen. Wenn es um unsere Familie geht, ist der Generationenvertrag wichtig.
  • „Du sollst Vater und Mutter ehren...
  • Die Art unseres Umgangs mit unseren Kindern und Partnern wird sich im Alter widerspiegeln. Die tiefe Verbundenheit, aber auch Konflikte und Aggression bleiben bestehen.

Die kollektive Verantwortung

  • Wertschätzung gegenüber dem Pflegeberuf
  • Die pflegenden Angehörigen unterstützen
  • Innovative Betreuung- und Pflegekonzepte entwickeln
  • Strukturen schaffen – räumlich und personell entsprechen ausstatten
  • Supervision & Fortbildung verpflichtend anbieten

Gesellschaftliche Prozesse

  • Altern als Chance wahrnehmen
  • Wissen und Erfahrung als Ressource sehen
  • Medienarbeit bewusster gestalten
  • Compression of morbidity

Wachsam bleiben gegenüber einem öffentlichen Diskurs, der sich gegen eine Personengruppe wendet, seien es nun die Alten, die Hochbetagten und Pflegebedürftigen oder die Radfahrer.

Die Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie gratuliert Herrn Felix Mitterer zum Preis der humanistischen Altersforschung der Stadt Wien und bedankt sich gleichzeitig für das ausgezeichnet recherchierte und sensibel dargestellte Portrait eines, wie wir hoffen, nicht mehr stattfinden Umgangs mit abhängigen Menschen.

Foto: media wien
Foto: media wien
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