01. September 2010
Österreichische Gesellschaft für Geriatrie & Gerontologie
Österreichische Gesellschaft für Geriatrie & Gerontologie
Medizin Medien Austria
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Univ.-Prof. Dr. Franz Böhmer
Ein Pionier der Geriatrie

WIEN – Das Jubiläum „40 Jahre Medical Tribune in Österreich“ inspirierte uns, den Rückblick in den einzelnen Fachgebieten zu wagen. Wer könnte die Geschcihte der Geriatrie in Österreich besser überblicken als Prof. Dr. Franz Böhmer? Er war bis Ende Septemeber 2008 ärztlicher Leiter des SMZ-Sophienspital im Wiener KAV, langjähriger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie & Gerontologie und ist aktiver Pionier der Geriatrie in Österreich.

MT: War vor 40 Jahren in Österreich die Geriatrie schon etabliert?
Prof. Böhmer:
1968 hat es die Geriatrie-Gesellschaft in Österreich schon gegeben. Sie wurde schon 1955 von Univ.-Prof. Dr. Walter Doberauer gegründet. Er war die entscheidende Persönlichkeit und hat mehr als drei Jahrzehnte – bis 1985 – die Entwicklung der Geriatrie geprägt. Der Unterschied zu heute: Damals war die Geriatrie im Pflegeheim angesiedelt.
Prof. Doberauer war selbst ärztlicher Direktor im Pflegeheim Baumgarten. Trotzdem hat er schon früh alle anderen Fachbereiche wie Soziologie, Psychologie oder Grundlagenforschung in die Kongresse einbezogen. Aber die Geriatrie in Österreich hat ein Pflegeheimdasein geführt, die Grenzen zur Akutmedizin sind noch nicht überschritten gewesen.
Schon 1956 fand der erste Geriatrie-Kongress in Bad Hofgastein statt. Prof. Doberauer selbst war aber auch international sehr aktiv. 1966 wurde in Wien ein internationaler Geriatrie-Kongress abgehalten. Das war eine Sensation für ein Land, in dem es keinen Facharzt für Geriatrie gab, kein Akutkrankenhaus für Geriatrie, keine Professur für Geriatrie. Letztlich war es allein seiner Persönlichkeit zu verdanken.
Der nächste große internationale Kongress in Österreich fand erst 2004 statt, der EU-Geriatrie-Kongress, den ich selbst leiten durfte. Das waren in der Geschichte der Geriatrie die zwei größten internationalen Kongresse.

MT: Waren die anderen Länder schon weiter?
Prof. Böhmer:
International war die Geriatrie viel weiter. In der Schweiz und Deutschland gab es schon damals Universitätskliniken für Geriatrie, in den englischsprachigen Ländern sowieso. Österreich war und ist auch heute noch weit hinten.

MT: Wie ging es nach 1985 weiter?
Prof. Böhmer:
Prof. Doberauer war der Platzhirsch in Österreich. Nachdem er 1985 zurückgetreten ist, hat sich kein klinischer Mediziner gefunden, der dieses Erbe antreten wollte. Prof. Hofecker hat dann von 1985 bis 1989 die Gesellschaft geführt, als Physiologe an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Durch seine Profession wurde damals natürlich die Grundlagenforschung in den Vordergrund gestellt – auf Kosten der klinischen Geriatrie.
Erst 1989 hat die Geriatrie im klinischen Bereich mit der Präsidentschaft von Univ.-Prof. Dr. Robert Willvonseder wieder mehr Bedeutung bekommen. Er war Vorstand der Internen Abteilung bei den Barmherzigen Brüdern und Spezialist für Endokrinologie und Osteoporose. Unter seiner Präsidentschaft – bis 1993 – entstand erstmalig ein Konzept für Geriatrie.
Prof. Amon, Univ.-Prof. Dr. Karl Heinz Tragl und Univ.-Prof. Dr. Gerhard Hofecker, Prof. Willvonseder und auch ich selbst haben 1992 ein Konzept für Geriatrie ausgearbeitet.

MT: Was war das Besondere an diesem Konzept?
Prof. Böhmer:
Es ging darum, dass sich Akutabteilungen um die älteren Menschen kümmern. Zudem wurde erstmals die Ausbildungsfrage sowohl im Studium als auch postgraduell angesprochen. Unsere Gruppe war vorher auf einer Studienreise – in der Schweiz und in Deutschland –, und wir haben die bestehenden Vorbilder auf österreichische Verhältnisse übersetzt. Das Konzept publizierten wir in einer Sonderausgabe der Österreichischen Ärztezeitung. Auf dieser Basis von 1992 arbeiten wir heute noch.

MT: Wie entwickelte sich die Geriatrie in den österreichischen Krankenhäusern?
Prof. Böhmer:
1968 wurde die erste Krankenhausabteilung eröffnet, die sich geriatrischen Patienten gewidmet hat. Diese Abteilung der Neurogeriatrie an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg war die erste geriatrische Abteilung in Österreich. Immerhin wurde diese Abteilung im Jahre 2006 zur Universitätsklinik für Geriatrie umgewandelt, die erste Professur für Geriatrie in Österreich, die mit Univ.-Prof. Bernhard Iglseder besetzt ist. Im Jahr 1978 kam dann die nächste geriatrische Abteilung im LKH Hochzirl bei Innsbruck hinzu. Das war lange die Parade- Geriatrieabteilung in Österreich.
Sie wurde internistisch geführt und sogar als WHO-Referenzzentrum für moderne Geriatrie ausgewählt. 1990 kamen dann Villach und Klagenfurt im Akutbereich dazu und 1992 die Poliklinik, die ich selbst geführt habe. Das waren die Entwicklungen im Krankenhausbereich.

MT: Wann waren Sie Präsident der Geriatrie-Gesellschaft?
Prof. Böhmer:
Von 1995 bis 2007 war ich Präsident der Geriatrie-Gesellschaft. Ich habe aber schon seit 1991 die Organisation des Geriatrie-Kongresses in Bad Hofgastein übernommen. 1993 bis 1995 war Prof. Skrabal aus Graz sozusagen als Schattenpräsident tätig. Er hat diese Funktion kaum wahrgenommen hat, da hat eigentlich noch immer Prof. Willvonseder die Geschicke geführt.

MT: Mit Ihrer Präsidentschaft bekam die Geriatrie einen neuen Stellenwert in der Medizin.
Prof. Böhmer:
Also am Anfang stand dieses Konzept 1992, darauf konnte ich aufbauen. Das Problem war aber die fehlende Unterstützung durch ein Printmedium. Ohne Zeitung oder Magazin ist es schwer, die Ideen auch zu verbreiten. Erste Versuche startete ich mit einem deutschen Verlag. Unser Heft hieß sogar schon Geriatrie-Praxis. Leider ist der Verlag aber in Konkurs gegangen. Ich bin in Österreich von Verlag zu Verlag gegangen, bis Herr Manstein die Idee für gut befunden hat.
1997 ist die Geriatrie-Praxis entstanden. Mit diesem Medium konnte erstmals eine große Zahl von Ärzten regelmäßig erreicht werden. In weiteren Ausbaustufen gelang es, mit dem Verlag Medizin Medien Austria auch einen Online-Auftritt unter www.geriatrieonline.at aufzubauen, es sind Veranstaltungen und Expertenstatements, Konsensusberichte und vieles mehr hinzugekommen. Das hat mir sehr geholfen, den Stellenwert der Geriatrie auf- und auszubauen.

MT: Was waren politisch die Meilensteine der letzten Jahre?
Prof. Böhmer:
1998 wurde der österreichische Krankenanstaltenplan revidiert, erhielt das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen – ÖBIG – den Auftrag, neue Versorgungsstrukturen für alte Menschen im stationären Bereich zu entwickeln. Dadurch entstand der Bereich der Akutgeriatrie. Wir waren eine kleine Expertengruppe aus der Geriatrie-Gesellschaft und konnten unsere Ideen einbringen, wie eine Akutabteilung funktionieren sollte.
Da das ÖBIG eine politische Institution war, konnten wir im stationären Bereich diese speziellen Strukturen entwickeln und auch umsetzen. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber es haben sich immer mehr Akutgeriatriekrankenhäuser entwickelt.
Nicht zuletzt im Strukurplan Gesundheit 2006 ist die Akutgeriatrie genau definiert: Qualitätskriterien, Personalausstattung, Infrastruktur, Leistungsangebote. Das waren eigentlich die beiden Standbeine der Geriatrie: für die niedergelassenen Kollegen das Printmedium und für den stationären Bereich das ÖBIG mit den Versorgungsstrukuren für alte Menschen im stationären Bereich.

MT: Zur Ausbildungssituation: Wie gut sind heute Ärzte geriatrisch ausgebildet?
Prof. Böhmer:
Erst seit wenigen Jahren gibt es die neue Ärzte-Ausbildungsordnung an den Medizin-Universitäten. Darin ist das Thema „Der alte Mensch“ zumindestens enthalten. Das wird von den lehrenden
Kollegen unterschiedlich betrachtet. Aber durch die Professur für Geriatrie in Salzburg im Jahr 2006 haben sich auch die anderen Universitäten umstrukturiert.
Die Med Uni Graz hat seit dem Wintersemester 2006/07 ein Spezialstudium Geriatrie im Lehrplan – geleitet von Univ.-Prof. Dr. Regina Roller-Wirnsberger. Die Entwicklung in Graz ist günstig, das könnte durchaus eine Professur für Geriatrie werden. In Innsbruck wurde die Geriatrie und Gerontologie ein Jahr später in den Lehrplan aufgenommen.
Verantwortlich sind Prim. Univ.-Prof. Dr. Monika Lechleitner und Univ.-Prof. Dr. Beatrix Grubeck-Loebenstein. Und in Wien ist erst seit ganz kurzem Univ.-Prof. Dr. Marcus Köller für die geriatrischen Inhalte im Medizinstudium verantwortlich. Im Entwicklungsplan der Medizin-Uni ist die Professur für Geratrie aber festgelegt, das wird auch nicht mehr lang dauern. Die Palliativmedizin ist ja schon mit Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke ausgezeichnet besetzt. Diese Pflänzchen gibt es derzeit, wenn sie auch noch nicht den Stellenwert haben, der nötig wäre.

MT: Wie sieht die postgraduelle Fortbildung aus?
Prof. Böhmer:
Postgraduell gibt es derzeit ja weder einen Facharzt noch einen Additivfacharzt. Aber es gibt Bemühungen vom Obersten Sanitätsrat und auch von Bundesministerin Kdolsky. Sie hat im Juni 2007 einen Beirat für Alter und Altern ins Leben gerufen. Dort werden Ausbildungsfragen, aber auch alle Fragen, die mit Alter und Altern zusammenhängen, behandelt.
Dieser Beirat trifft sich mehrmals im Jahr.
Im November 2007 hat Ministerin Kdolsky die Kommission „Ärztliche Weiterbildung Geriatrie“ gegründet, und diese soll den Facharzt bzw. Additivfacharzt für Geriatrie ausarbeiten. Sonst gibt es postgraduell seit 1989 das altbekannte Geriatrie-Seminar der ÖÄK, das ja auch die Medizin Medien ausrichten. Das läuft mittlerweile sehr gut.
Es wird auf Grund der Teilnehmerzahlen sogar ein Seminarteil in Innsbruck (für den Westen Österreichs) und ein Seminarteil in Wien (für den Südosten) durchgeführt, wobei vier Wochenenden gemeinsam verbracht werden.

MT: Was ist eigentlich das Spezielle an der Geriatrie im Vergleich zur „normalen“ Medizin?
Prof. Böhmer:
Die „normale“ Medizin ist organzentriert, also Lunge, Herz, Leber. Und die Geriatrie ist eher funktionsorientiert: der Sturz, die Vergesslichkeit, der Schwindel – und da können viele Organe daran beteiligt sein, wobei im Alter das Typische die Multimorbidität ist. Wir behandeln nicht einzelne Krankheiten, sondern auf Grund des Alters des Patienten müssen wir primär die Krankheit zuerst behandeln, die die meisten Beschwerden macht.
Zudem ist die Geriatrie immer multidisziplinär, nie monodisziplinär. Es sind immer der Internist, der Neurologe und der Psychiater beteiligt.
Der dritte wichtige Punkt ist die starke rehabilitative Komponente. Zeitgleich mit der Behandlung der akuten Erkrankung fängt schon die Rehabilitation an. In der „normalen“ Medizin hat der Patient einen Herzinfarkt und fährt dann auf Rehab. Das wäre in der Geriatrie schlecht. Das ist der wesentliche Unterschied.

MT: Wenn wir nicht 40, aber zehn Jahre in die Zukunft blicken – was würden Sie sich für die Geriatrie in Österreich wünschen?
Prof. Böhmer:
Wünschen würde ich mir, so wie die EU das 2002 in Berlin formuliert hat, dass jede Medizin-Universität einen Lehrstuhl für Geriatrie hat, dass es den Facharzt für Geriatrie gibt und dass man überhaupt nicht mehr fragt, ob die Geriatrie notwendig ist oder nicht.
Das wird auch kommen, auch wird sich der Fächerkanon dramatisch verändern. Der Allgemeininternist ist ein Auslaufmodell, das wird der Geriater werden, und daneben wird es den Organspezialisten geben.

MT: Sie sind ja auch als Künstler aktiv, ist das etwas, was Sie sich für die nächsten Jahre auch vorgenommen haben?
Prof. Böhmer:
Ein 24-Stunden-Mediziner ist kein guter Mediziner. Man muss über den Tellerrand hinausschauen – Sport, Zeichnen oder was auch immer. Vor der Medizin habe ich als Künstler Geld verdient und überlegt, was ist besser, ein schlechter Schauspieler oder ein schlechter Mediziner. Ich hab mir gedacht, besser Mediziner, da werde ich von der Gemeinde Wien angestellt.

Danke für das Gespräch!

Interview: Thomas Stodulka

© MMA, Medical Tribune • 40. Jahrgang • Nr. 47/2008

50 Jahre ÖGGG: Eine Gesellschaft im Wandel

Die Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGGG) feierte 2005 ihr 50-jähriges Bestehen. Ein Grund innezuhalten, aber auch neue Schritte zu setzen.

Von Prim. Prof. Dr. Franz Böhmer


Die Betreuung alter Menschen ist in Österreich, so wie in den meisten hochentwickelten Industriestaaten, als Folge der stetigen Zunahme des Durchschnittsalters der Bevölkerung ein medizinisches, soziales, politisches und ökonomisches Problem geworden. Die ÖGGG beschäftigt sich seit 50 Jahren mit dieser Thematik und legt immer wieder Konzepte und Überlegungen vor, die aufgrund wissenschaftlicher Erhebungen gewonnen wurden und die Entscheidungshilfen für medizinische, soziale, politische und wirtschaftliche Fragestellungen sind.
Prof. Dr. Franz Böhmer, Foto: Thomas Stodulka
Seit 1991 organisierte Prof. Dr. Franz Böhmer den Geriatrie-Kongress in Bad Hofgastein:Seit 1991 org
Seit 1991 organisierte Prof. Dr. Franz Böhmer den Geriatrie-Kongress in Bad Hofgastein: Er verstand sich mit Politikern (Bildmitte: Dr. Fred Sinowatz) ebenso ...
Prof. Dr. Franz Böhmer und Kardinal Franz König
... wie mit Kardinal Franz König, der 1995 in Hofgastein zu Gast war.
Im Gespräch mit Politikern: links Minister Dr. Martin Bartenstein und rechts Wiens
Im Gespräch mit Politikern: links Minister Dr. Martin Bartenstein und rechts Wiens Gesundheitsstadtrat Dr. Sepp Rieder.
Schauspielerei war schon immer eine wichtige Säule im Leben von Prof. Dr. Franz
Schauspielerei war schon immer eine wichtige Säule im Leben von Prof. Dr. Franz Böhmer. 2005 in Mörbisch mit Harald Serafin ...
Gusti Wolf, Prof. Dr. Franz Böhmer
... oder 2006 nach einem Auftritt mit Gusti Wolf in Wien.
Festspiele Berndorf 2004: „Der Bürger als Edelmann“ mit Franz Böhmer als Dr. Blum, Karoline Va
Festspiele Berndorf 2004: „Der Bürger als Edelmann“ mit Franz Böhmer als Dr. Blum, Karoline Vasicek, Felix Dvorak und Chris Lohner (v.l.n.r).