MT: War vor 40 Jahren in Österreich
die Geriatrie schon etabliert?
Prof. Böhmer: 1968 hat es die Geriatrie-Gesellschaft in Österreich
schon gegeben. Sie wurde schon 1955
von Univ.-Prof. Dr. Walter Doberauer
gegründet. Er war die entscheidende
Persönlichkeit und hat mehr als drei
Jahrzehnte – bis 1985 – die Entwicklung
der Geriatrie geprägt. Der Unterschied
zu heute: Damals war die
Geriatrie im Pflegeheim angesiedelt.
Prof. Doberauer war selbst ärztlicher
Direktor im Pflegeheim Baumgarten.
Trotzdem hat er schon früh alle anderen
Fachbereiche wie Soziologie, Psychologie
oder Grundlagenforschung
in die Kongresse einbezogen. Aber
die Geriatrie in Österreich hat ein
Pflegeheimdasein geführt, die Grenzen
zur Akutmedizin sind noch nicht
überschritten gewesen.
Schon 1956
fand der erste Geriatrie-Kongress in
Bad Hofgastein statt. Prof. Doberauer
selbst war aber auch international
sehr aktiv. 1966 wurde in Wien ein
internationaler Geriatrie-Kongress
abgehalten. Das war eine Sensation
für ein Land, in dem es keinen Facharzt
für Geriatrie gab, kein Akutkrankenhaus
für Geriatrie, keine Professur
für Geriatrie. Letztlich war es
allein seiner Persönlichkeit zu verdanken.
Der nächste große internationale
Kongress in Österreich fand
erst 2004 statt, der EU-Geriatrie-Kongress, den ich selbst leiten durfte.
Das waren in der Geschichte der
Geriatrie die zwei größten internationalen
Kongresse.
MT: Waren die anderen Länder
schon weiter?
Prof. Böhmer: International war die
Geriatrie viel weiter. In der Schweiz
und Deutschland gab es schon damals
Universitätskliniken für Geriatrie,
in den englischsprachigen Ländern
sowieso. Österreich war und ist
auch heute noch weit hinten.
MT: Wie ging es nach 1985 weiter?
Prof. Böhmer: Prof. Doberauer war
der Platzhirsch in Österreich. Nachdem
er 1985 zurückgetreten ist, hat
sich kein klinischer Mediziner gefunden,
der dieses Erbe antreten wollte.
Prof. Hofecker hat dann von 1985
bis 1989 die Gesellschaft geführt, als
Physiologe an der Veterinärmedizinischen
Universität Wien. Durch seine
Profession wurde damals natürlich
die Grundlagenforschung in den
Vordergrund gestellt – auf Kosten der
klinischen Geriatrie.
Erst 1989 hat
die Geriatrie im klinischen Bereich
mit der Präsidentschaft von Univ.-Prof. Dr. Robert Willvonseder wieder
mehr Bedeutung bekommen. Er
war Vorstand der Internen Abteilung
bei den Barmherzigen Brüdern und
Spezialist für Endokrinologie und
Osteoporose. Unter seiner Präsidentschaft
– bis 1993 – entstand erstmalig
ein Konzept für Geriatrie.
Prof.
Amon, Univ.-Prof. Dr. Karl Heinz
Tragl und Univ.-Prof. Dr. Gerhard
Hofecker, Prof. Willvonseder und
auch ich selbst haben 1992 ein Konzept
für Geriatrie ausgearbeitet.
MT: Was war das Besondere an diesem
Konzept?
Prof. Böhmer: Es ging darum, dass
sich Akutabteilungen um die älteren
Menschen kümmern. Zudem wurde
erstmals die Ausbildungsfrage sowohl
im Studium als auch postgraduell
angesprochen. Unsere Gruppe
war vorher auf einer Studienreise
– in der Schweiz und in Deutschland
–, und wir haben die bestehenden
Vorbilder auf österreichische
Verhältnisse übersetzt. Das Konzept
publizierten wir in einer Sonderausgabe
der Österreichischen Ärztezeitung.
Auf dieser Basis von 1992
arbeiten wir heute noch.
MT: Wie entwickelte sich die Geriatrie
in den österreichischen Krankenhäusern?
Prof. Böhmer: 1968 wurde die erste
Krankenhausabteilung eröffnet, die
sich geriatrischen Patienten gewidmet
hat. Diese Abteilung der Neurogeriatrie
an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg war die erste
geriatrische Abteilung in Österreich.
Immerhin wurde diese Abteilung
im Jahre 2006 zur Universitätsklinik
für Geriatrie umgewandelt, die erste
Professur für Geriatrie in Österreich,
die mit Univ.-Prof. Bernhard
Iglseder besetzt ist. Im Jahr 1978 kam
dann die nächste geriatrische Abteilung
im LKH Hochzirl bei Innsbruck
hinzu. Das war lange die Parade-
Geriatrieabteilung
in Österreich.
Sie wurde internistisch geführt und
sogar als WHO-Referenzzentrum
für moderne Geriatrie ausgewählt.
1990 kamen dann Villach und Klagenfurt
im Akutbereich dazu und
1992 die Poliklinik, die ich selbst geführt
habe. Das waren die Entwicklungen
im Krankenhausbereich.
MT: Wann waren Sie Präsident der
Geriatrie-Gesellschaft?
Prof. Böhmer: Von 1995 bis 2007
war ich Präsident der Geriatrie-Gesellschaft.
Ich habe aber schon seit
1991 die Organisation des Geriatrie-Kongresses in Bad Hofgastein übernommen.
1993 bis 1995 war Prof.
Skrabal aus Graz sozusagen als Schattenpräsident
tätig. Er hat diese Funktion
kaum wahrgenommen hat, da
hat eigentlich noch immer Prof. Willvonseder
die Geschicke geführt.
MT: Mit Ihrer Präsidentschaft bekam
die Geriatrie einen neuen Stellenwert
in der Medizin.
Prof. Böhmer: Also am Anfang
stand dieses Konzept 1992, darauf
konnte ich aufbauen. Das Problem
war aber die fehlende Unterstützung
durch ein Printmedium. Ohne Zeitung
oder Magazin ist es schwer, die
Ideen auch zu verbreiten. Erste Versuche
startete ich mit einem deutschen
Verlag. Unser Heft hieß sogar
schon Geriatrie-Praxis. Leider ist der
Verlag aber in Konkurs gegangen.
Ich bin in Österreich von Verlag zu
Verlag gegangen, bis Herr Manstein
die Idee für gut befunden hat.
1997
ist die Geriatrie-Praxis entstanden.
Mit diesem Medium konnte erstmals
eine große Zahl von Ärzten regelmäßig
erreicht werden. In weiteren Ausbaustufen
gelang es, mit dem Verlag
Medizin Medien Austria auch einen
Online-Auftritt unter www.geriatrieonline.at aufzubauen, es sind Veranstaltungen
und Expertenstatements,
Konsensusberichte und vieles mehr
hinzugekommen. Das hat mir sehr
geholfen, den Stellenwert der Geriatrie
auf- und auszubauen.
MT: Was waren politisch die Meilensteine
der letzten Jahre?
Prof. Böhmer: 1998 wurde der österreichische
Krankenanstaltenplan
revidiert, erhielt das Österreichische
Bundesinstitut für Gesundheitswesen
– ÖBIG – den Auftrag, neue
Versorgungsstrukturen für alte Menschen
im stationären Bereich zu entwickeln.
Dadurch entstand der Bereich
der Akutgeriatrie. Wir waren
eine kleine Expertengruppe aus der
Geriatrie-Gesellschaft und konnten
unsere Ideen einbringen, wie eine
Akutabteilung funktionieren sollte.
Da das ÖBIG eine politische Institution
war, konnten wir im stationären
Bereich diese speziellen Strukturen
entwickeln und auch umsetzen. Es
hat zwar eine Weile gedauert, aber es
haben sich immer mehr Akutgeriatriekrankenhäuser
entwickelt.
Nicht
zuletzt im Strukurplan Gesundheit
2006 ist die Akutgeriatrie genau definiert:
Qualitätskriterien, Personalausstattung,
Infrastruktur, Leistungsangebote.
Das waren eigentlich die beiden Standbeine der Geriatrie:
für die niedergelassenen Kollegen
das Printmedium und für den stationären
Bereich das ÖBIG mit den
Versorgungsstrukuren für alte Menschen
im stationären Bereich.
MT: Zur Ausbildungssituation: Wie
gut sind heute Ärzte geriatrisch
ausgebildet?
Prof. Böhmer: Erst seit wenigen
Jahren gibt es die neue Ärzte-Ausbildungsordnung
an den Medizin-Universitäten.
Darin ist das Thema „Der
alte Mensch“ zumindestens enthalten.
Das wird von den lehrenden
Kollegen unterschiedlich betrachtet.
Aber durch die Professur für Geriatrie
in Salzburg im Jahr 2006 haben
sich auch die anderen Universitäten
umstrukturiert.
Die Med Uni
Graz hat seit dem Wintersemester
2006/07 ein Spezialstudium Geriatrie
im Lehrplan – geleitet von Univ.-Prof.
Dr. Regina Roller-Wirnsberger. Die
Entwicklung in Graz ist günstig, das
könnte durchaus eine Professur für
Geriatrie werden. In Innsbruck wurde
die Geriatrie und Gerontologie ein
Jahr später in den Lehrplan aufgenommen.
Verantwortlich sind Prim.
Univ.-Prof. Dr. Monika Lechleitner
und Univ.-Prof. Dr. Beatrix Grubeck-Loebenstein. Und in Wien ist erst seit
ganz kurzem Univ.-Prof. Dr. Marcus
Köller für die geriatrischen Inhalte
im Medizinstudium verantwortlich.
Im Entwicklungsplan der Medizin-Uni ist die Professur für Geratrie aber
festgelegt, das wird auch nicht mehr
lang dauern. Die Palliativmedizin ist
ja schon mit Univ.-Prof. Dr. Herbert
Watzke ausgezeichnet besetzt. Diese
Pflänzchen gibt es derzeit, wenn sie
auch noch nicht den Stellenwert haben,
der nötig wäre.
MT: Wie sieht die postgraduelle
Fortbildung aus?
Prof. Böhmer: Postgraduell gibt
es derzeit ja weder einen Facharzt
noch einen Additivfacharzt. Aber
es gibt Bemühungen vom Obersten
Sanitätsrat und auch von Bundesministerin
Kdolsky. Sie hat im Juni
2007 einen Beirat für Alter und Altern
ins Leben gerufen. Dort werden
Ausbildungsfragen, aber auch
alle Fragen, die mit Alter und Altern
zusammenhängen, behandelt.
Dieser Beirat trifft sich mehrmals
im Jahr.
Im November 2007 hat Ministerin
Kdolsky die Kommission
„Ärztliche Weiterbildung Geriatrie“
gegründet, und diese soll den Facharzt
bzw. Additivfacharzt für Geriatrie
ausarbeiten. Sonst gibt es postgraduell
seit 1989 das altbekannte
Geriatrie-Seminar der ÖÄK, das ja
auch die Medizin Medien ausrichten.
Das läuft mittlerweile sehr gut.
Es wird auf Grund der Teilnehmerzahlen
sogar ein Seminarteil in Innsbruck
(für den Westen Österreichs)
und ein Seminarteil in Wien (für
den Südosten) durchgeführt, wobei
vier Wochenenden gemeinsam verbracht
werden.
MT: Was ist eigentlich das Spezielle
an der Geriatrie im Vergleich zur
„normalen“ Medizin?
Prof. Böhmer: Die „normale“ Medizin
ist organzentriert, also Lunge,
Herz, Leber. Und die Geriatrie ist
eher funktionsorientiert: der Sturz,
die Vergesslichkeit, der Schwindel –
und da können viele Organe daran
beteiligt sein, wobei im Alter das Typische
die Multimorbidität ist. Wir
behandeln nicht einzelne Krankheiten,
sondern auf Grund des Alters
des Patienten müssen wir primär
die Krankheit zuerst behandeln,
die die meisten Beschwerden macht.
Zudem ist die Geriatrie immer multidisziplinär,
nie monodisziplinär. Es
sind immer der Internist, der Neurologe
und der Psychiater
beteiligt.
Der
dritte wichtige Punkt ist die starke
rehabilitative Komponente. Zeitgleich
mit der Behandlung der akuten
Erkrankung fängt schon die Rehabilitation
an. In der „normalen“
Medizin hat der Patient einen Herzinfarkt
und fährt dann auf Rehab.
Das wäre in der Geriatrie schlecht.
Das ist der wesentliche Unterschied.
MT: Wenn wir nicht 40, aber zehn
Jahre in die Zukunft blicken – was
würden Sie sich für die Geriatrie in
Österreich wünschen?
Prof. Böhmer: Wünschen würde
ich mir, so wie die EU das 2002
in Berlin formuliert hat, dass jede
Medizin-Universität einen Lehrstuhl
für Geriatrie hat, dass es den
Facharzt für Geriatrie gibt und
dass man überhaupt nicht mehr
fragt, ob die Geriatrie notwendig
ist oder nicht.
Das wird auch kommen, auch
wird sich der Fächerkanon dramatisch
verändern. Der Allgemeininternist
ist ein Auslaufmodell, das
wird der Geriater werden, und daneben
wird es den Organspezialisten
geben.
MT: Sie sind ja auch als Künstler
aktiv, ist das etwas, was Sie sich für
die nächsten Jahre auch vorgenommen
haben?
Prof. Böhmer: Ein 24-Stunden-Mediziner
ist kein guter Mediziner. Man
muss über den Tellerrand hinausschauen
– Sport, Zeichnen oder was
auch immer. Vor der Medizin habe
ich als Künstler Geld verdient und
überlegt, was ist besser, ein schlechter
Schauspieler oder ein schlechter
Mediziner. Ich hab mir gedacht, besser
Mediziner, da werde ich von der
Gemeinde Wien angestellt.
Danke für das Gespräch!
Interview: Thomas Stodulka












